Warum der Chef der US-Notenbank eine zu niedrige Inflation fürchtet

Inflation ist für die meisten Menschen ein negatives Schlagwort. Sie steht oft für steigende Preise, schrumpfende Kaufkraft und wirtschaftliche Unsicherheit. Doch der Chef der US-Notenbank, Jerome Powell, hat vor kurzem eine bemerkenswerte Aussage gemacht: Er befürchtet, dass eine zu niedrige Inflation ein ebenso großes Problem darstellen könnte wie eine zu hohe. Diese Sichtweise ist insbesondere für viele Anleger und Wirtschaftsteilnehmer überraschend. Warum aber könnte eine zu niedrige Inflation der Wirtschaft schaden? In diesem Artikel werden die Gründe für Powells Besorgnis, die Hintergründe der aktuellen Geldpolitik und die möglichen Auswirkungen auf die Märkte untersucht.

Das Inflationsziel der Fed

Bevor wir tiefer in Powells Äußerungen eintauchen, ist es wichtig zu verstehen, welches Ziel die US-Notenbank (Federal Reserve, kurz Fed) in Bezug auf die Inflation verfolgt. Die Fed strebt eine Inflationsrate von etwa 2 % an, gemessen am sogenannten PCE-Index (Personal Consumption Expenditures). Dieses Ziel soll sicherstellen, dass die Wirtschaft gesund wächst, ohne dass die Inflation außer Kontrolle gerät.

Inflation ist bis zu einem gewissen Grad ein natürlicher Teil einer wachsenden Volkswirtschaft. Eine moderate Inflationsrate signalisiert, dass die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen stark ist und Unternehmen in der Lage sind, ihre Preise zu erhöhen, ohne die Nachfrage zu drosseln. Doch was passiert, wenn die Inflation dauerhaft zu niedrig ist?

Warum eine zu niedrige Inflation problematisch ist

1. Gefahr der Deflation

Die größte Sorge bei einer zu niedrigen Inflation ist das Risiko einer Deflation. Bei Deflation sinken die Preise für Waren und Dienstleistungen über einen längeren Zeitraum. Das mag auf den ersten Blick positiv erscheinen – schließlich könnten Verbraucher theoretisch mehr für ihr Geld kaufen. Doch Deflation hat gravierende negative Auswirkungen auf die Wirtschaft:

  • Konsumverzicht: Wenn die Preise kontinuierlich sinken, verschieben Verbraucher größere Anschaffungen, in der Erwartung, dass die Preise weiter fallen. Dies kann zu einem Rückgang der Nachfrage führen und die Wirtschaft bremsen.
  • Sinkende Gewinne und Löhne: Unternehmen können bei anhaltend fallenden Preisen nicht mehr die gleichen Gewinne erwirtschaften. Das führt häufig zu Lohnkürzungen oder Entlassungen, was den Konsum weiter schwächt.
  • Erhöhte Schuldenlast: In einer deflationären Phase steigt der reale Wert von Schulden. Das bedeutet, dass Unternehmen und Haushalte, die Schulden haben, stärker belastet werden, da ihre Einkommen stagnieren oder sogar sinken, während die Schulden gleich bleiben.

2. Schwierigkeiten für die Geldpolitik

Eine dauerhaft niedrige Inflation erschwert es der Fed, ihre geldpolitischen Ziele zu erreichen. In Zeiten einer schwachen Konjunktur senkt die Zentralbank traditionell die Zinsen, um die Kreditaufnahme und Investitionen zu fördern. Doch wenn die Inflation bereits sehr niedrig ist und die Zinsen bei oder nahe Null liegen (wie es nach der Finanzkrise 2008 der Fall war), sind die geldpolitischen Instrumente der Fed begrenzt. Dieses Phänomen wird als „Zinsuntergrenze“ bezeichnet und bedeutet, dass die Fed weniger Spielraum hat, um in Krisenzeiten durch Zinssenkungen zu stimulieren.

3. Erosion der wirtschaftlichen Dynamik

Eine niedrige Inflation könnte darauf hindeuten, dass die Nachfrage in der Wirtschaft zu schwach ist, um Preiserhöhungen zu rechtfertigen. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass das Wirtschaftswachstum ins Stocken geraten ist. In einem solchen Umfeld könnten Unternehmen zögern, Investitionen zu tätigen, was langfristig das Wirtschaftswachstum bremst.

Die aktuelle Lage der Inflation in den USA

In den letzten Jahren hat die Inflation in den USA aufgrund verschiedener Faktoren stark geschwankt. Während der COVID-19-Pandemie und der nachfolgenden Erholung erlebte die US-Wirtschaft eine Phase ungewöhnlich hoher Inflation, die hauptsächlich durch Lieferengpässe und eine steigende Nachfrage nach bestimmten Gütern verursacht wurde. Die Inflation stieg zeitweise deutlich über das 2 %-Ziel der Fed.

Allerdings hat die Fed auf diese Inflationsspitzen mit einer Reihe von Zinserhöhungen reagiert, um die Wirtschaft abzukühlen und die Inflation wieder in den Griff zu bekommen. Dies hat zu einer spürbaren Verringerung der Inflation geführt, doch Jerome Powell und seine Kollegen bei der Fed befürchten nun, dass die Inflationsrate zu stark fallen könnte.

Powells Bedenken: Die Lehren aus der Vergangenheit

Powells Ängste vor einer zu niedrigen Inflation sind nicht unbegründet. Er und andere Zentralbanker haben aus den wirtschaftlichen Krisen der Vergangenheit gelernt, insbesondere aus der Deflation der 1930er Jahre während der Weltwirtschaftskrise sowie der japanischen Deflationsspirale in den 1990er und 2000er Jahren. In beiden Fällen führte eine anhaltend niedrige oder negative Inflation zu einer langanhaltenden wirtschaftlichen Stagnation.

Japan gilt hier als abschreckendes Beispiel. Nach dem Platzen einer Immobilienblase Anfang der 1990er Jahre fiel das Land in eine Phase der Deflation, die über ein Jahrzehnt anhielt. Trotz massiver geldpolitischer Anreize konnte Japan nicht aus dieser Spirale ausbrechen, was das Wirtschaftswachstum stark hemmte und zu einer „verlorenen Dekade“ führte. Powell scheint entschlossen, diese Fehler nicht zu wiederholen.

Mögliche Maßnahmen der Fed

Sollte sich die Inflationsrate in den USA weiter der Nullmarke annähern, könnte die Fed gezwungen sein, auf neue geldpolitische Maßnahmen zurückzugreifen. Dazu gehören:

  1. Zinssenkungen: Sollten die Zinsen in den kommenden Monaten wieder gesenkt werden, könnte dies helfen, die Nachfrage anzukurbeln und den Inflationsdruck zu erhöhen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Fed bald an die Zinsuntergrenze stößt, wo sie nur noch eingeschränkt handeln kann.
  2. Quantitative Lockerung (QE): Ein weiteres Instrument, das die Fed in den letzten Jahren häufig genutzt hat, ist die quantitative Lockerung. Dabei kauft die Zentralbank Anleihen und andere Wertpapiere, um die Finanzmärkte mit Liquidität zu versorgen und die Zinssätze am langen Ende der Zinskurve zu senken. QE könnte bei einer weiteren wirtschaftlichen Abschwächung wieder zum Einsatz kommen.
  3. Ziel für höhere Inflation: Ein neuer Ansatz, den Powell in der Vergangenheit bereits angedeutet hat, ist es, die Inflation für einen bestimmten Zeitraum über das 2 %-Ziel hinaus zuzulassen, um eine Phase niedriger Inflation zu kompensieren. Dieser flexible Ansatz würde es der Fed ermöglichen, längerfristig eine ausgeglichene Inflationsrate zu erreichen.

Auswirkungen auf die Finanzmärkte

Die Aussicht auf eine zu niedrige Inflation könnte sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. Einerseits könnten Zinssenkungen und geldpolitische Lockerungen die Aktienmärkte kurzfristig beflügeln, da günstiges Geld Investitionen in risikoreiche Vermögenswerte attraktiv macht.

Andererseits könnten Anleger auf lange Sicht nervös werden, wenn sie befürchten, dass die US-Wirtschaft in eine stagnierende Phase gerät. Die anhaltende Unsicherheit über das Inflationsniveau könnte zu Volatilität an den Märkten führen, insbesondere in Anbetracht der ohnehin angespannten geopolitischen Lage und globalen wirtschaftlichen Risiken.

Fazit

Jerome Powells Besorgnis über eine zu niedrige Inflation ist ein Warnsignal für Anleger und Wirtschaftsteilnehmer. Während die meisten von uns höhere Preise als schädlich ansehen, birgt eine anhaltend niedrige oder negative Inflation erhebliche Risiken für die Wirtschaft. Deflation, schwaches Wachstum und eingeschränkte geldpolitische Handlungsspielräume könnten die USA vor große Herausforderungen stellen. Die Fed bleibt daher wachsam und könnte gezwungen sein, in naher Zukunft erneut geldpolitische Maßnahmen zu ergreifen, um eine stabile Inflation und ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten.

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