ExxonMobil, der zweitgrößte Ölkonzern der Welt, hat die Märkte mit einer unerwarteten Gewinnwarnung aufgeschreckt. Für das vierte Quartal 2024 erwartet das Unternehmen einen Rückgang des Nettogewinns um bis zu 1,75 Milliarden US-Dollar im Vergleich zum Vorquartal. Die Ankündigung kommt in einer Phase, in der die globale Energiebranche mit sinkenden Ölpreisen, wachsender Konkurrenz und regulatorischen Herausforderungen konfrontiert ist. Die Reaktion der Investoren ließ nicht lange auf sich warten: Die Aktie geriet unter Druck und verlor im frühen Handel mehrere Prozentpunkte.
Analyse der aktuellen Lage
Die Gewinnwarnung von ExxonMobil basiert auf einer Kombination mehrerer negativer Faktoren, die das Ergebnis des vierten Quartals belasten. Zum einen führte der Rückgang der Rohölpreise zu einem deutlichen Gewinneinbruch im Upstream-Bereich, also der Exploration und Produktion von Öl und Gas. Das Unternehmen gab an, dass allein die gesunkenen Preise den Gewinn um 700 Millionen US-Dollar reduziert haben. Im Vergleich zum dritten Quartal 2024 wird ein Rückgang des Segmentergebnisses im Upstream-Bereich um 500 bis 900 Millionen US-Dollar erwartet.
Darüber hinaus spüren ExxonMobils Raffinerien den Druck schwächerer Margen. Geringere Nachfrage nach raffinierten Produkten wie Benzin und Diesel sowie ein Überangebot aufgrund neuer Kapazitäten in Asien und Afrika haben die Margen erheblich geschwächt. Das Unternehmen prognostiziert einen Gewinnrückgang im Raffineriegeschäft von 300 bis 700 Millionen US-Dollar. Zusätzlich könnten Timing-Effekte, wie ungünstige Preisbewegungen und Lieferverzögerungen, den Gewinn um weitere 500 bis 900 Millionen US-Dollar belasten.
Eine weitere Sorge ist die Entwicklung im Chemiegeschäft, einem traditionellen Ertragsmotor für ExxonMobil. Steigende Kosten und schwache Nachfrage nach chemischen Produkten könnten die Margen in diesem Bereich weiter belasten. Während das Unternehmen hier noch keine konkreten Zahlen nannte, deuten Branchenanalysten auf eine mögliche Verlangsamung des Wachstums in diesem Segment hin.
Faktoren für die Kursschwankungen
Die Reaktion der Märkte auf die Gewinnwarnung war eindeutig. Die ExxonMobil-Aktie verlor unmittelbar nach der Bekanntgabe an Wert, und auch andere Öl- und Gaswerte gerieten unter Druck. Die Gründe dafür sind vielschichtig:
- Sinkende Ölpreise: Die globalen Rohölpreise haben sich in den letzten Monaten von ihren Höchstständen entfernt, was auf eine Kombination aus Nachfrageschwäche und wachsendem Angebot zurückzuführen ist. Für ExxonMobil, dessen Gewinne stark vom Ölpreis abhängen, ist dies ein erheblicher Belastungsfaktor.
- Überangebot im Markt: Während die OPEC und andere große Ölproduzenten ihre Produktion drosseln, hat ExxonMobil eine andere Strategie eingeschlagen. Das Unternehmen setzt auf eine aggressive Expansion in kostengünstigen Fördergebieten wie dem Permian Basin in den USA und Offshore-Gebieten in Guyana. Diese Strategie könnte jedoch zu einem weiteren Überangebot auf dem Markt führen, was die Preise und die Margen weiter drücken könnte.
- Makroökonomische Unsicherheiten: Steigende Zinssätze und eine mögliche globale Wachstumsverlangsamung wirken sich negativ auf die Nachfrage nach Energie aus. Dies erhöht den Druck auf ExxonMobil, seine Kosten zu kontrollieren und gleichzeitig Marktanteile zu sichern.
- Regulatorischer Druck: Die globale Energiewende und strengere Umweltauflagen setzen fossile Energieunternehmen wie ExxonMobil unter Druck. Zwar hat das Unternehmen angekündigt, bis 2030 bis zu 30 Milliarden US-Dollar in kohlenstoffarme Technologien zu investieren, doch bleibt dies angesichts der derzeitigen Marktbedingungen eine Herausforderung.
Prognose und Ausblick
Trotz der aktuellen Herausforderungen hält ExxonMobil an seiner langfristigen Wachstumsstrategie fest. Das Unternehmen plant, seine fossile Brennstoffproduktion bis 2030 um 18 % auf 5,4 Millionen Barrel Öläquivalent pro Tag zu steigern. Im Gegensatz zu vielen Mitbewerbern, die aufgrund von Nachhaltigkeitszielen und Marktbedingungen ihre Produktion zurückfahren, setzt ExxonMobil auf eine Maximierung seiner Ausbeute in kostengünstigen Förderregionen.
ExxonMobil erwartet, dass die neuen Kapazitäten in Guyana und den USA mittelfristig erhebliche Einnahmen generieren werden. Gleichzeitig investiert das Unternehmen verstärkt in kohlenstoffarme Technologien, einschließlich CO₂-Abscheidung und -Speicherung sowie Wasserstoffproduktion. Diese Maßnahmen könnten ExxonMobil helfen, sich langfristig an die veränderten Marktbedingungen anzupassen und neue Ertragsquellen zu erschließen.
Dennoch bleiben Unsicherheiten bestehen. Analysten warnen, dass ExxonMobil angesichts des Überangebots auf dem Ölmarkt und des steigenden Wettbewerbs von erneuerbaren Energien vor einer schwierigen Phase stehen könnte. Die vollständigen Ergebnisse für das vierte Quartal, die am 31. Januar 2025 veröffentlicht werden, werden entscheidend sein, um die Zukunftsperspektiven des Unternehmens besser einschätzen zu können.
Handelsempfehlung
Für Anleger stellt sich die Frage, ob ExxonMobil in der aktuellen Situation eine Kaufgelegenheit oder ein Risiko darstellt. Die fundamentale Stärke des Unternehmens, einschließlich seiner soliden Bilanz und der führenden Marktposition, spricht dafür, dass ExxonMobil auch schwierige Marktphasen überstehen kann. Langfristige Investoren könnten die aktuelle Kurskorrektur als Einstiegsmöglichkeit nutzen, insbesondere wenn sie von einer Erholung der Ölpreise ausgehen.
Kurzfristig sollten Anleger jedoch Vorsicht walten lassen. Die Gewinnwarnung deutet auf anhaltenden Druck auf die Margen hin, und die allgemeine Marktentwicklung könnte die Aktie weiter belasten. Es ist ratsam, die endgültigen Quartalsergebnisse abzuwarten und die weitere Entwicklung der Ölpreise und der Produktionsstrategie von ExxonMobil genau zu beobachten.
Fazit
ExxonMobil steht vor erheblichen Herausforderungen, da sinkende Ölpreise, schwächere Raffineriemargen und regulatorischer Druck das Geschäft belasten. Die angekündigte Gewinnwarnung zeigt, dass selbst Branchenriesen nicht immun gegen die Volatilität des Energiemarktes sind. Dennoch bleibt das Unternehmen aufgrund seiner aggressiven Wachstumsstrategie und der Investitionen in Zukunftstechnologien ein wichtiger Akteur in der Energiebranche. Für Anleger ist eine differenzierte Betrachtung der kurzfristigen Risiken und der langfristigen Chancen entscheidend, um fundierte Entscheidungen treffen zu können.




