Am 9. April 2025 drohen die USA mit der bislang umfassendsten Zolloffensive unter Präsident Donald Trump: Pauschale Einfuhrzölle von 10 % für alle Länder sowie Sonderabgaben von bis zu 50 % für ausgewählte Handelspartner wie die EU (20 %), China (34 %) oder Vietnam (46 %) . Doch hinter den martialischen Ankündigungen verbirgt sich weniger eine langfristige Handelspolitik als vielmehr ein taktisches Manöver. Experten und Marktbeobachter zweifeln zunehmend daran, dass die Zölle tatsächlich wie geplant in Kraft treten werden. Stattdessen scheint Trump mit der Drohkulisse vor allem eines zu erreichen: Handelspartner unter Druck zu setzen, um mehr US-Exporte zu generieren – und gleichzeitig die eigene Verhandlungsmacht zu stärken .
Ein globales Pokerspiel mit hohen Einsätzen
Die Ankündigung neuer Strafzölle durch die USA wirkt wie ein Déjà-vu: Am 9. April 2025 droht die Regierung von Donald Trump mit einer beispiellosen Zolloffensive – pauschale Einfuhrabgaben von 10 % für alle Handelspartner sowie Sonderzölle von bis zu 50 % für Schlüsselländer wie China, die EU oder Vietnam. Auf den ersten Blick scheint es eine Eskalation im globalen Handelskrieg. Doch der Schein trügt. Was wie ein wirtschaftspolitischer Hammerschlag wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als hochriskantes, aber kalkuliertes Pokerspiel.
Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus 2024 hat sich der Ton im internationalen Handel verschärft. Doch anders als in seiner ersten Amtszeit, als Strafzölle auf Stahl (25 %) und chinesische Technologie (bis zu 25 %) tatsächlich in Kraft traten, fehlt diesmal die Substanz. Die aktuellen Zollpläne – teils absurd hoch angesetzt – zielen weniger auf fiskalische Gewinne oder Protektionismus ab. Stattdessen nutzt Trump die Drohkulisse als Hebel, um drei zentrale Ziele durchzusetzen: Exportsteigerung für US-Unternehmen, politische Zugeständnisse von Handelspartnern und mediale Dominanz im Wahlkampfumfeld.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die USA importierten 2024 Waren im Wert von 3,2 Billionen US-Dollar – ein Rekordhoch. Gleichzeitig sank der Anteil der Zolleinnahmen am US-Haushalt auf historische 1,4 % (2019: 2,6 %). Selbst bei einer hypothetischen Verdreifachung der Zölle, so das Peterson Institute, würden die Einnahmen nicht einmal 0,5 % der US-Staatsschulden decken. Viel gravierender sind die Abhängigkeiten: 92 % aller in den USA verkauften Sneaker stammen aus Vietnam, 80 % der Seltenen Erden aus China, und europäische Pharmaexporte (12,2 Mrd. Euro) sind für die US-Gesundheitsversorgung unverzichtbar.
Doch warum droht Trump dann mit einem wirtschaftlichen Eigentor? Die Antwort liegt in der Psychologie des „Artillery Barrage Negotiating“ – einer Taktik, bei der extreme Forderungen gestellt werden, um später Kompromisse als Sieg zu verkaufen. Wie ein Börsenhändler, der gezielt falsche Orders platziert, um den Markt zu manipulieren, setzt Trump auf den Schockeffekt. Die Botschaft an Handelspartner ist unmissverständlich: „Verhandelt mit uns – oder wir zerstören die Regeln.“
Experten wie Adam Posen, Präsident des Peterson Institute for International Economics, sehen darin eine „gefährliche Gratwanderung“: „Trump spielt mit dem Feuer einer echten Handelskrise, aber sein eigentliches Ziel ist nicht der Bruch, sondern die Unterwerfung. Er will Länder dazu bringen, freiwillig mehr US-Gas, Waffen oder Agrarprodukte zu kaufen – aus Angst vor noch Schlimmerem.“
Doch das Bluff-Risiko ist hoch. Als die EU bereits am 5. April mit Gegenmaßnahmen wie Strafsteuern auf US-Tech-Konzerne drohte, reagierten die Dow-Jones-Futures mit einem Minus von 1,8 %. Ein Warnschuss, der zeigt: Die Welt ist nicht mehr bereit, Trumps Zoll-Poker widerspruchslos hinzunehmen.
Trumps Zollpolitik basiert auf einer umstrittenen Formel
Die Grundlage von Trumps Zollpolitik bildet eine kontroverse Berechnungsmethode: Das Handelsdefizit der Vereinigten Staaten mit einem bestimmten Land wird durch dessen Gesamtexportvolumen in die USA dividiert und anschließend halbiert. Mithilfe dieser Methode konstruiert die amerikanische Regierung scheinbare Zollsätze, wie die kolportierten „39 % gegenüber der EU“, die in der Realität lediglich 2,7 % betragen. Diese ungewöhnliche Vorgehensweise dient primär der psychologischen Beeinflussung und weniger der Generierung von Steuereinnahmen.
Verhandlungstaktik statt Realpolitik
Es scheint, dass diese Ankündigungen eher als Mittel zur Verhandlungsführung denn als Ausdruck einer festen wirtschaftspolitischen Linie dienen. Ähnlich wie bei den 2018 eingeführten Stahlzöllen sind viele der aktuellen Ankündigungen entweder vage formuliert oder werden im Nachhinein revidiert. François-Philippe Champagne, der kanadische Innovationsminister, betonte daher, dass man erst reagieren werde, sobald ein offizielles Dekret vorliege. Bemerkenswerterweise zeigen die Börsen trotz dieser Drohungen kaum Reaktionen, was darauf hindeutet, dass die Volatilität an den Aktienmärkten, die im Jahr 2024 noch stark von Handelskonflikten beeinflusst war, aktuell unter 2 % liegt.
Motivation: Wachstum um jeden Preis
Trump präsentiert die Zölle als einen entscheidenden Schritt zur Stärkung der US-Wirtschaft. Die tatsächlichen Beweggründe sind jedoch komplexer. Die Vorstellung, dass Zolleinnahmen die beträchtliche Staatsverschuldung der USA (derzeit über 35 Billionen US-Dollar) substanziell reduzieren könnten, ist unrealistisch. Selbst bei einer deutlichen Erhöhung der effektiven Zölle von 2,5 % auf 22 % erwartet die Ratingagentur Fitch lediglich kurzfristige Einnahmen, die zudem mit Inflation und einem Rückgang des Handels einhergehen würden. Vielmehr nutzt Trump die Zölle als eine Art Drohung mit einem Embargo, um andere Länder zu Zugeständnissen zu bewegen. Ursula von der Leyen, die Präsidentin der EU-Kommission, kritisierte dies als einen „schweren Schlag für die Weltwirtschaft“, betonte aber gleichzeitig die Bereitschaft zum Dialog.
Auswirkungen: Ein Eigentor mit globalen Folgen
Die angekündigten Zölle bergen erhebliche Risiken, insbesondere für die Vereinigten Staaten selbst. Die Abhängigkeit von Importen kritischer Güter stellt eine Schwachstelle dar. So importieren die USA beispielsweise einen bedeutenden Anteil ihrer Elektronik aus China (30 %), Textilien werden zu einem großen Teil in Ländern wie Vietnam produziert (Nike beispielsweise zu 50 %), und auch Vorprodukte für die Pharmaindustrie werden in erheblichem Umfang aus Deutschland (12,2 Mrd. Euro) bezogen. Ein Handelskrieg würde diese globalen Lieferketten empfindlich stören und große US-amerikanische Unternehmen wie Apple oder Pfizer treffen. Der ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann prognostiziert, dass die Zölle zu steigenden Verbraucherpreisen in den USA führen würden, während Exporteure Marktanteile verlören. Das Ifo-Institut erwartet für Deutschland ein leichtes Minus im BIP von 0,3 %, für die USA jedoch droht eine Rezession. Zudem arbeitet die EU bereits an Gegenmaßnahmen wie Digitalsteuern für US-Konzerne, während China und die ASEAN-Staaten alternative Handelswege entwickeln.
Ausblick: Bluff oder Eskalation?
Es erscheint eher unwahrscheinlich, dass Trump die Zölle vollständig umsetzen wird. Wahrscheinlicher ist, dass dieses Maßnahmenpaket als Druckmittel für bilaterale Verhandlungen dienen soll – ähnlich wie im Jahr 2019, als Mexiko durch Zugeständnisse in der Migrationspolitik Strafzölle abwenden konnte. Länder wie Australien oder Neuseeland signalisieren bereits, dass sie trotz der als „ungerechtfertigt“ empfundenen Zölle keine Vergeltungsmaßnahmen ergreifen werden. Angesichts der bevorstehenden Wahl im Jahr 2028 setzt Präsident Trump auf Symbolpolitik. Ein teilweiser Rückzug der Zölle könnte als Erfolg verkauft werden, selbst wenn keine substanziellen Zugeständnisse erreicht werden. Dennoch untergräbt diese Politik, selbst wenn sie primär als Bluff dient, langfristig das Vertrauen in den globalen Handel. Die Schweiz hat bereits den „Albtraum“ fehlender Planungssicherheit kritisiert.
Fazit: Ein Spiel mit dem Feuer
Donald Trumps Zollpolitik ist weniger eine durchdachte wirtschaftliche Strategie als vielmehr ein psychologisches Manöver. Während die kurzfristige Androhung von Zöllen Handelspartner verunsichert, birgt die langfristige Gefahr einer Eskalation massive Risiken für die globalen Lieferketten und das Wirtschaftswachstum der USA selbst. Die eigentliche Frage ist nicht, ob die Zölle tatsächlich kommen, sondern wie viel politisches Kapital Trump bereit ist zu investieren, um seine Position zu behaupten – und wann die Weltgemeinschaft dieses riskante Pokerspiel beenden wird.