Oracle steht an einem entscheidenden Punkt seiner Unternehmensgeschichte. Der traditionsreiche Softwarekonzern hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem der wichtigsten Anbieter von KI-Infrastruktur entwickelt – und genau dieser Wandel sorgt an der Börse für einen ungewöhnlich harten Bewertungsstreit. Während die operative Entwicklung zuletzt deutlich stärker ausfiel als erwartet, zweifeln Anleger weiterhin daran, ob Oracle den gigantischen Ausbau seiner Rechenzentren schnell genug in freien Cashflow und nachhaltige Gewinne verwandeln kann.
Die jüngsten Zahlen liefern dabei Argumente für beide Seiten. Oracle steigerte den Quartalsumsatz um 30 Prozent auf 19,3 Milliarden Dollar, die Cloud-Infrastruktur wuchs kräftig und die vertraglich gesicherten künftigen Umsätze, die sogenannten Remaining Performance Obligations, kletterten auf außergewöhnliche 664 Milliarden Dollar. Gleichzeitig verschlingt der Ausbau der KI-Infrastruktur enorme Summen. Allein im vergangenen Quartal investierte Oracle 28,5 Milliarden Dollar in Sachanlagen. Der freie Cashflow blieb negativ.
Die Börse reagierte entsprechend widersprüchlich. Nach den Zahlen schossen die Aktien zunächst um mehr als acht Prozent nach oben, drehten anschließend aber wieder deutlich nach unten. Am Freitag schloss Oracle bei rund 150,24 Dollar. Damit liegt die Aktie trotz der jüngsten operativen Fortschritte rund 50 Prozent unter ihrem Vorjahreshoch.
Hinzu kommt nun eine bemerkenswerte Nachricht aus dem Umfeld von Gründer Larry Ellison: Der Oracle-Chairman hat seinen erst kürzlich bekannt gewordenen Plan zum Verkauf von bis zu 50 Millionen Aktien im Wert von rund 7,5 Milliarden Dollar wieder gestrichen. Nach Unternehmensangaben wurde keine einzige Aktie im Rahmen dieses Plans verkauft. Ellison hält weiterhin mehr als 38 Prozent an Oracle und signalisiert damit zumindest indirekt, dass er seine Beteiligung auf dem aktuellen Bewertungsniveau nicht reduzieren will.
Für Anleger ergibt sich daraus ein ungewöhnliches Bild: Das operative Geschäft beschleunigt sich, der Auftragsbestand explodiert – aber die Finanzierung des Wachstums belastet die Bilanz. Genau diese Diskrepanz entscheidet darüber, ob Oracle vor einer neuen Wachstumsphase steht oder ob der Markt den KI-Boom bereits zu teuer bezahlt.
Cloud-Geschäft wird zum Wachstumsmotor
Der wichtigste Treiber ist inzwischen nicht mehr das klassische Datenbankgeschäft, sondern Oracle Cloud Infrastructure. Die Cloud-Infrastruktur wuchs zuletzt um 121 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Oracle lieferte im Quartal 850 Megawatt zusätzliche KI-Rechenleistung aus und konnte mehr als 30 Milliarden Dollar an neuen KI-Verträgen gewinnen.
Damit verändert sich die Investmentstory grundlegend. Oracle ist nicht mehr lediglich ein etablierter Softwarekonzern mit hohen wiederkehrenden Einnahmen. Das Unternehmen versucht, sich als Infrastrukturplattform für die nächste Generation künstlicher Intelligenz zu positionieren.
Das hat einen entscheidenden Vorteil: KI-Unternehmen benötigen enorme Rechenkapazitäten. Wer diese Kapazität bereitstellen kann, besitzt eine potenziell sehr langfristige Einnahmequelle. Oracle profitiert dabei davon, dass Kunden nicht nur einzelne Softwarelizenzen kaufen, sondern langfristige Kapazitäten reservieren.
Der Auftragsbestand von 664 Milliarden Dollar ist deshalb für die Bewertung wesentlich wichtiger als ein einzelnes Quartalsergebnis. Ein erheblicher Teil dieser Summe soll in den kommenden Jahren als Umsatz verbucht werden. Das schafft außergewöhnliche Visibilität – sofern Oracle die zugesagten Kapazitäten auch tatsächlich bereitstellen kann.
664 Milliarden Dollar Auftragsbestand verändern die Rechnung
Genau hier liegt der Kern der Oracle-Bullenstory.
Ein Auftragsbestand dieser Größenordnung wäre für einen klassischen Softwarekonzern kaum vorstellbar. Oracle hat sich damit eine außergewöhnlich große Umsatzbasis für die kommenden Jahre aufgebaut. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung, dass die Nachfrage nach Rechenleistung für KI weiterhin enorm ist.
Die Anleger müssen deshalb zwei Fragen voneinander trennen: Gibt es genügend Nachfrage? Und kann Oracle diese Nachfrage profitabel bedienen?
Die Antwort auf die erste Frage lautet derzeit eindeutig ja. Die zweite Frage ist wesentlich schwieriger.
Oracle muss Milliarden in Rechenzentren, Chips, Netzwerke und Energieversorgung investieren, bevor ein großer Teil der entsprechenden Umsätze realisiert werden kann. Das erklärt den negativen freien Cashflow. Das Unternehmen befindet sich in einer Phase, in der Wachstum zunächst Kapital verschlingt.
Das 95-Milliarden-Dollar-Problem
Oracle erwartet für das Geschäftsjahr 2027 Investitionen von etwa 90 bis 95 Milliarden Dollar. Bereits im abgelaufenen Geschäftsjahr lagen die Investitionen bei rund 55,7 Milliarden Dollar. Der Sprung ist gewaltig.
Damit wird Oracle zunehmend zu einem Infrastrukturunternehmen. Und Infrastrukturgeschäft bedeutet zunächst hohe Kapitalbindung.
Der Markt akzeptiert hohe Investitionen, solange er davon überzeugt ist, dass daraus später deutlich höhere Cashflows entstehen. Genau dieses Vertrauen ist bei Oracle zuletzt verloren gegangen. Die Aktie wurde deshalb nicht wegen schwacher Nachfrage abgestraft, sondern wegen der Frage, wie viel Kapital notwendig ist, um die Nachfrage überhaupt bedienen zu können.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Sollte Oracle nachweisen, dass die neuen Rechenzentren dauerhaft hohe Auslastungen erreichen und die Margen anschließend wieder steigen, könnte die derzeitige Bewertung rückblickend sehr günstig erscheinen. Bleibt der freie Cashflow dagegen über Jahre negativ, drohen höhere Verschuldung, Verwässerung und eine dauerhafte Belastung der Eigenkapitalrendite.
Ellison setzt ein wichtiges Signal
Die Entscheidung von Larry Ellison, den geplanten Verkauf von bis zu 50 Millionen Oracle-Aktien zu stoppen, ist deshalb mehr als eine Randnotiz.
Der ursprüngliche Verkaufsplan hätte einen Wert von rund 7,5 Milliarden Dollar gehabt. Nun wurde er aufgehoben, bevor Aktien verkauft wurden. Oracle bestätigte, dass Ellison derzeit keine Absicht habe, seine Oracle-Aktien zu verkaufen.
Natürlich ist daraus kein sicherer Kursindikator abzuleiten. Insider verkaufen aus unterschiedlichsten Gründen und kaufen manchmal aus ebenso unterschiedlichen Motiven. Trotzdem ist der Zeitpunkt bemerkenswert.
Der Gründer besitzt einen erheblichen Anteil des Unternehmens und kennt die strategische Entwicklung besser als nahezu jeder externe Anleger. Dass er bei einem Kursniveau von rund 150 Dollar nicht verkaufen will, reduziert zumindest einen kurzfristig möglichen zusätzlichen Angebotsdruck.
Noch wichtiger ist jedoch die psychologische Wirkung. Nach Monaten wachsender Sorgen über Verschuldung und Kapitalbedarf kann der Rückzug des Verkaufsplans als Vertrauenssignal interpretiert werden.
Die Bilanz bleibt der Schwachpunkt
Die größte Gefahr für Oracle bleibt der Kapitalbedarf.
Die operative Entwicklung ist stark, aber Wachstum allein reicht an der Börse nicht mehr. Entscheidend ist, was nach den Investitionen übrig bleibt.
Oracle hat zuletzt deutlich gemacht, dass das Unternehmen verschiedene Finanzierungsmodelle nutzt, um den massiven Ausbau der KI-Infrastruktur zu stemmen. Dazu gehören Kunden-Vorauszahlungen, Lieferantenfinanzierungen und Vereinbarungen zur gemeinsamen Nutzung von Hardware. Dadurch lässt sich der unmittelbare Finanzierungsdruck reduzieren.
Doch diese Modelle beseitigen die wirtschaftlichen Kosten nicht.
Wenn Oracle heute Milliarden investiert und erst Jahre später den entsprechenden Cashflow erhält, bleibt das Unternehmen abhängig von einem weiterhin hohen Kapitalmarktvertrauen. Steigende Zinsen oder eine Neubewertung des KI-Sektors könnten deshalb für Oracle erheblich problematischer werden als für Microsoft oder Alphabet.
Die Margen müssen jetzt liefern
Die nächste große Bewährungsprobe sind deshalb die Margen.
Oracle kann hohe Wachstumsraten vorweisen. Doch Rechenzentren sind kapitalintensiv und Strom, Chips, Kühlung und Netzwerktechnik verursachen erhebliche laufende Kosten. Je schneller Oracle wächst, desto stärker muss das Unternehmen beweisen, dass Skaleneffekte irgendwann wieder für steigende Margen sorgen.
Der Markt will deshalb keine bloße Umsatzexplosion sehen. Er will sehen, dass aus der Umsatzexplosion ein überproportional wachsender Gewinn und anschließend ein kräftiger freier Cashflow entsteht.
Genau an diesem Punkt liegt aktuell die größte Bewertungsdifferenz zwischen Bullen und Bären.
Oracle schlägt die Erwartungen
Operativ hat Oracle zuletzt allerdings geliefert.
Der Umsatz stieg auf 19,3 Milliarden Dollar, während die Erwartungen übertroffen wurden. Der bereinigte Gewinn je Aktie erreichte 1,92 Dollar. Gleichzeitig erhöhte Oracle die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2027 auf mindestens 90 Milliarden Dollar und hob die bereinigte EPS-Prognose auf 8,10 Dollar an. Für das kommende Quartal stellt das Management ein Umsatzwachstum von 30 bis 34 Prozent in Aussicht.
Das ist für einen Konzern dieser Größenordnung bemerkenswert.
Noch vor wenigen Quartalen wurde Oracle an der Börse vor allem als Unternehmen mit zu hohen Investitionsplänen wahrgenommen. Nun zeigt sich zunehmend, dass hinter den Investitionen tatsächlich ein außergewöhnlich starkes Nachfragewachstum steht.
Das ändert die Risikobetrachtung.
Die Börse bleibt skeptisch
Dass die Aktie trotz dieser Zahlen nicht nachhaltig nach oben ausbrechen konnte, zeigt, wie hoch die Erwartungen an Oracle inzwischen sind.
Die Anleger verlangen nicht mehr lediglich einen Gewinnsprung. Sie verlangen Beweise dafür, dass das Geschäftsmodell langfristig profitabel skaliert.
Genau deshalb ist die Reaktion nach den jüngsten Zahlen so interessant: Der erste Kurssprung wurde wieder verkauft. Der Markt glaubt Oracle die Nachfrage, aber noch nicht vollständig die Profitabilität.
Das erklärt auch die ungewöhnlich breite Spanne bei den Analystenzielen. Die aktuellen Schätzungen reichen von etwa 110 bis 400 Dollar, während das durchschnittliche Kursziel bei rund 241 Dollar liegt.
Analysten bleiben überwiegend bullish
Der Konsens ist trotz der Risiken weiterhin positiv. Eine aktuelle Zusammenstellung sieht ein durchschnittliches Kursziel von etwa 241 bis 254 Dollar, wobei zahlreiche Analysten ihre Kaufempfehlungen nach den jüngsten Zahlen bestätigt haben. UBS erhöhte das Kursziel beispielsweise auf 250 Dollar, Barclays auf 252 Dollar. Andere Häuser agieren vorsichtiger und senkten ihre Ziele.
Bemerkenswert ist dabei die große Diskrepanz zwischen aktuellem Kurs und Analystenzielen.
Bei rund 150 Dollar bedeutet ein Kursziel von 250 Dollar ein Aufwärtspotenzial von ungefähr 67 Prozent. Das ist für eine Mega-Cap-Technologieaktie außergewöhnlich hoch.
Allerdings sollte diese Differenz nicht mit einer sicheren Rendite verwechselt werden. Die Analystenziele hängen wesentlich davon ab, ob Oracle seine geplanten Investitionen tatsächlich in profitable KI-Infrastruktur umsetzen kann.
Vergleich mit Microsoft, Amazon und Alphabet
Im Vergleich mit Microsoft, Amazon und Alphabet besitzt Oracle einen besonderen Vorteil, aber auch ein besonderes Risiko.
Microsoft und Alphabet verfügen über wesentlich größere bestehende Cashflows, aus denen sie ihre KI-Investitionen finanzieren können. Amazon wiederum besitzt mit AWS bereits eine hochprofitable Cloud-Infrastruktur.
Oracle hat dagegen einen kleineren finanziellen Puffer und investiert im Verhältnis zur eigenen Größe aggressiver.
Dafür besitzt Oracle einen außergewöhnlich schnell wachsenden Auftragsbestand und gewinnt bei KI-Infrastruktur Marktanteile. Genau deshalb ist Oracle die spekulativere Aktie der großen Cloud-Anbieter.
Für Anleger, die bereits Microsoft oder Alphabet halten, ist Oracle deshalb weniger ein Ersatz als eine zusätzliche Wachstumswette auf den KI-Infrastrukturausbau.
Kursziel: 245 Dollar
Für die kommenden zwölf bis 18 Monate sehe ich bei Oracle ein Kursziel von 245 Dollar.
Ausgehend von einem aktuellen Kurs von rund 150 Dollar entspricht dies einem potenziellen Aufwärtspotenzial von etwa 63 Prozent.
Das Kursziel liegt bewusst nicht am oberen Ende der aktuellen Analystenschätzungen. Die fundamentale Story rechtfertigt meiner Einschätzung nach eine deutliche Erholung, aber noch keine Rückkehr zu den extremen Bewertungen früherer Hochphasen.
Für eine Neubewertung Richtung 250 Dollar müssen drei Bedingungen erfüllt werden: Der Auftragsbestand muss planmäßig in Umsatz überführt werden, die KI-Infrastruktur muss hohe Auslastungen erreichen und der freie Cashflow muss sich sichtbar verbessern.
Gelingt das, ist auch ein Anstieg über 250 Dollar möglich. Scheitert die Cashflow-Wende dagegen, bleibt der Bereich um 110 bis 120 Dollar ein realistisches Abwärtsrisiko.
Rating: Buy
Rating: Buy
Kursziel: 245 Dollar
Aktueller Kurs: rund 150 Dollar
Potenzial: rund +63 Prozent
Zeithorizont: langfristig 12 bis 18 Monate
Kurzfristig: spekulativ positiv
Langfristig: klar positiv
Meine Einschätzung lautet damit Kaufempfehlung, allerdings ausdrücklich für Anleger, die die hohe Volatilität und das Bilanzrisiko akzeptieren können.
Für kurzfristig orientierte Trader bleibt Oracle anspruchsvoll. Die Aktie kann bei kleinsten Änderungen der Erwartungen an Capex, Verschuldung oder Margen zweistellig reagieren. Wer dagegen einen Anlagehorizont von mindestens zwölf Monaten besitzt, bekommt derzeit eine ungewöhnlich starke Wachstumsstory zu einer deutlich niedrigeren Bewertung als noch vor einem Jahr.
Mögliche Katalysatoren
Der wichtigste positive Katalysator wäre eine weitere Beschleunigung des Cloud-Geschäfts. Sollte Oracle die aktuelle Wachstumsrate bei OCI annähernd halten können, dürfte der Markt die hohen Investitionen zunehmend als notwendige Vorleistung und weniger als Bilanzrisiko betrachten.
Ein zweiter Katalysator wäre eine steigende Auslastung der neuen Rechenzentren. Je schneller die neu geschaffene Kapazität Umsatz generiert, desto schneller kann sich die enorme Kapitalbindung amortisieren.
Ein dritter Katalysator wäre eine Verbesserung des freien Cashflows. Bereits erste Anzeichen einer solchen Entwicklung könnten eine erhebliche Neubewertung der Aktie auslösen.
Hinzu kommt der für Oktober erwartete Analystentag. Neue Informationen zu Kapazitätsausbau, Margen, Finanzierung und langfristigen Wachstumszielen könnten für die Aktie richtungsweisend werden.
Die größten Risiken
Das größte Risiko ist eine Verzögerung beim Ausbau der Rechenzentren. Oracle muss enorme Summen investieren, bevor die entsprechenden Umsätze entstehen. Verzögerungen bei Genehmigungen, Stromversorgung, Hardware oder Kundenprojekten würden deshalb die Rendite des eingesetzten Kapitals verschlechtern.
Das zweite Risiko ist die Kundenkonzentration. Ein großer Teil der neuen KI-Umsätze hängt an wenigen sehr großen Kunden und langfristigen Verträgen. Sollten einzelne Projekte verschoben oder neu verhandelt werden, könnte der Markt den gigantischen Auftragsbestand deutlich vorsichtiger bewerten.
Das dritte Risiko ist die Finanzierung. Wenn Oracle dauerhaft auf neue Schulden oder Eigenkapital angewiesen bleibt, könnte der Gewinn je Aktie trotz steigender Gewinne durch höhere Finanzierungskosten oder Verwässerung belastet werden.
Die Aktie bleibt nichts für schwache Nerven
Technisch ist die Situation ebenfalls noch nicht vollständig gedreht. Der Bereich um 150 Dollar ist derzeit die zentrale Marke. Ein nachhaltiger Ausbruch darüber würde das Erholungsszenario bestätigen. Darüber liegen zunächst die Bereiche um 165 und 175 Dollar.
Fällt die Aktie dagegen erneut deutlich unter 145 Dollar, steigt das Risiko eines Rücktests der jüngsten Tiefs. Unterhalb von 140 Dollar würde die Erholung deutlich an Dynamik verlieren.
Für Trader ist Oracle deshalb derzeit eher eine Aktie für gestaffelte Positionen als für einen aggressiven Einstieg mit voller Positionsgröße.
Fazit: Oracle bekommt eine zweite Chance
Oracle steht vor einem klassischen Börsenmoment: Das Unternehmen liefert operativ genau das, was der Markt eigentlich sehen wollte – und trotzdem bleibt die Aktie unter Druck.
Der Grund liegt in den enormen Investitionen. Der KI-Boom ist real, die Nachfrage ist real und der Auftragsbestand ist außergewöhnlich. Aber Oracle muss beweisen, dass aus diesen Milliardenverträgen auch Milliarden an freiem Cashflow entstehen.
Die Entscheidung von Larry Ellison, seinen geplanten Aktienverkauf über 7,5 Milliarden Dollar zu stoppen, ist dabei ein zusätzliches positives Signal. Sie beseitigt das zentrale Bilanzproblem nicht, nimmt der Aktie aber einen potenziellen Belastungsfaktor.
Für mich überwiegen auf Sicht von zwölf bis 18 Monaten inzwischen die Chancen. Oracle ist riskanter als Microsoft, Amazon oder Alphabet, bietet dafür aber auch einen größeren Hebel auf den Ausbau der KI-Infrastruktur.
Die Aktie ist nach dem massiven Kursrückgang wieder interessant. Das Rating lautet deshalb Buy. Das Kursziel liegt bei 245 Dollar, entsprechend rund 63 Prozent Aufwärtspotenzial. Der entscheidende Prüfstein bleibt der freie Cashflow. Wenn Oracle den Übergang vom kapitalintensiven KI-Aufbau zu nachhaltig steigenden Cashflows schafft, dürfte der Markt die Aktie neu bewerten. Dann könnte der aktuelle Kurs von 150 Dollar rückblickend eher als Einstiegsniveau denn als Warnsignal erscheinen.


